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THEMA: Die Zeitreise der Frisur

Die Zeitreise der Frisur 18 Okt 2011 09:56 #1

  • Sabia
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Die Zeitreise der Frisur

Um die Entwicklung der Haargestaltung im Mittelalter zu verstehen, müssen wir zuerst weiter zurückschauen.

Schon von 4000 v. Chr., also der sumerischen Zeit, gibt es Reliefs und Statuen welche turbanähnliche Frisuren zeigen.
Auch geordnete Locken, sorgsam gepflegt und behandelt werden dargestellt.

Das sogenannte Brenneisen ist durch Bilddarstellungen überliefert,
ebenso wie die gründliche Körper- und Haarpflege im Ägypten der 12.- 13. Dynastie. (2040-1700 v. Chr.)

Der gebrauch fremder Menschenhaare sowie Tierhaar und Pflanzenfasern zur Perückenherstellung waren weit verbreitet,
in der Vorzeit und dem Altertum.

Die alten Griechen zum Beispiel, trugen ihr Haar gelockt über die Stirn fallend.
Dies zum Gegensatz ihrer Kleidung, welche in klaren Linien zur Betonung der menschlichen Gestalt war.

Später wurden aus Asien streng geordnete, parallel zueinander laufende Locken übernommen.

Bei den Römern indes wurde alles übernommen und auch gemischt was gefiel (clever!), von den Griechen, Ägyptern und Asiaten.
Hauptsache dass es viele verschiedene Variationen waren, welche den Kopf und das Gesicht hübsch umrahmten
(auch bei den Herren der Schöpfung!).

Springen wir nach 113. v. Chr.,

nun kamen verschiedene Völker zum Beispiel die germanischen Kimbern sowie die Teutonen aus Nord- Mittel- und Südeuropa in Bewegung.
Durch Landnot wegen Überschwemmungen, Klimawechsel also Hungersnot, Überbevölkerung etc..
Die Kimbern und Teutonen, die Goten und Langobarden griffen nach Rom.
Die Westgoten nach Spanien und die Vandalen Nordafrikas wie auch die Franken-Gallier und Angelsachsen nach England.
So vermischten sich die Völker und natürlich auch die Kleider- und Frisurenmode.

Römische Dichter rühmten das blonde Haar der germanischen Frauen und die Römerinnen wurden neidisch. (Typisch Frau…)
Dadurch wurde der Handel mit Menschenhaar wieder vermehrt aufgegriffen, nachdem er in Ägypten etwas abflaute.
Die freien Germaninnen gaben aber ihr Haar nicht her, da es bei einem Gerichtstag üblich war,
für die Wahrheit auf das eigene Haar zu schwören.
Die Echtheit wurde vor dem Schwur überprüft! (Autsch…)
Blondes Haar beschaffte man sich deshalb von germanischen Sklavinnen oder Frauen die in Gefangenschaft gerieten.

Da helles Haar als erstrebenswert galt, bleichte manch Dunkelhaarige ihr Haar selbst.

Wollt ihr wirklich wissen womit?!
Na gut, man verwendete eine seifenartige Beize aus geronnener Milch, Buttersäure und Kalklauge. Was für ein delikates Aroma!!!

Einige Zeit später so Ende des 1400 Jahrhunderts waren in Venedig Strähnchen mehr gefragt.
Die Damen hatten breitkrempige Strohhüte durch die sie einige Haarsträhnen auf die Krempe zogen.
Nun wurde diese Haare mit einer Zitrusmischung und oben genannten Zutaten behandelt und ab in die Sonne auf den kleinen Balkon über dem Kanal und einen Schwatz mit der Nachbarin gehalten (dies aber nur so am Rande).

Um 117 n. Chr. trugen die Germaninnen ihr Haar lange und locker herabfallend,
auch wird es zu einem Haarkranz geflochten und mit einem Netz oder Tuch gehalten.
Am bekanntesten ist die als „ Suebenknoten“ eine Art Fangknoten bezeichnete Haartracht.
Auch bei anderen Völkern ist dies zu finden.
Dieser Knoten findet Verbreitung bei den Stämmen der heutigen Niederlande, Norddeutschlands, Dänemarks und Südosteuropas.
Ferner auch bei einigen gallischen Stämmen im heutigen Frankreich.
Über das Aussehen dieses Haarknotens und Tragestils wissen wir nicht nur durch literarische Nachrichten und Kunstdenkmäler,
sondern unter anderem durch Moorleichenfunde in Schleswig- Holstein und Dänemarks.

Durch die Germaninnen wurde auch wieder mehr Wert auf schön gearbeitete und verzierte Kämme gelegt
(auch Haarnetze waren im Gebrauch). Ich spreche von Zierkämmen aber auch Frisierkämmen.
Die Kämme waren aus Holz, Knochen, Bronze oder Edelmetallen gefertigt und oft reich verziert.

Bei Franken im Esten schätzte man im 8. Jahrhundert die Kämme aus Niedersachsen.

Übrigens im Warteraum des Klosters St. Gallen hing zu dieser Zeit ein Kamm an metallener Kette für jeden Mönch.

Noch stark verhaftet in den antiken Vorstellungen vom Haar ist der Mensch im Mittelalter.

So, kommen wir unserer Zeit um 1200 n. Chr. näher!

Mit dem Sieg des Christentums in der fränkischen und karolingischen Zeit verschwand in ganz Europa die offen getragene Haartracht.
Wobei auch dies mit Vorsicht zu beurteilen ist!

Die höfische Gesellschaft des 12. und 13. Jahrhunderts legten wert auf langes und lockiges Haar bei Männern und Frauen.
Das Lockengeringel hält sich in den höheren Kreisen des Adels und in den vornehmen Bürgerkreisen über das Mittelalter hinaus
(vergesst nicht es sind immer wieder Verflechtungen über grössere Räume möglich, im Adel wurden Heiraten über weite Strecken geschlossen!
Von Norden her bis nach Sizilien und Byzanz).

Ausserdem schätzte man die Länge des Haares, die zum Teil durch Haarteile hervorgerufen wurde, wie auch die schön geflochtenen Zöpfe.
Die verheirateten Frauen verbargen in der Regel ihr Haar unter einer Haube…..
(merkt ihr was… ??? Es ist nirgends hieb und stichfest vermerkt wie genau das Haar getragen wurde, mit Schleier, Haube oder offen.)

In manch anderer Quelle wird wie folgt beschrieben:
Nur der weiblichen Jugend gestattete man ihre Flechtkrone, Zopfpracht und offenes gebändigtes Haar
(mit Blumenkranz oder zarten Bändern).

Meiner Meinung nach war das Tragen einer „Kopfbedeckung“ am weitesten verbreitet und am üblichsten.
Doch junge Mädchen aus der Mittel- und Oberschicht wie auch unverheiratete junge Damen des Adels und höher Gestellte konnten sich Freiheiten eher erlauben.

Während des ganzen Mittelalters (also auch in unserer Zeit) waren vier verschiedene Kopfbedeckungen gebräuchlich:

- -der Schleier
- -das Gebende
- -die Haube, Bundhaube
- -der Hut (auch Frauen)

Der Schleier aus der frühchristlichen Zeit kam aus der südlichen Entwicklung, er ging im Norden auf das Kopftuch zurück.
Übrigens der Schleier wird zum ersten Mal in einem Gedicht auf die Prinzessin Gisela (781 – 808),
einer Tochter Karls des Grossen erwähnt.
Meistens waren die Schleier weiss / cremefarbig, teilweise mit Goldstickereien verziert,
aus feinem Leinen und später aus Seide (da können wir beides tragen).
Es gibt auch eine Bilderbibel Karls des Kahlen (823 – 877) wo vornehme Damen mit Schleiern abgebildet sind.

Ha, aber auch mit dem Schleier wusste die holde Weiblichkeit wie sie ihr Haar zeigen konnte!
Trotz des strengen Verbots der Kirche liessen sie an der Stirn und Wange zierliche Löckchen hervorquellen.

Die Schleier wurden immer prunkvoller (wer es sich leisten konnte…)
bis ein gewisser Prediger Bertold von Regensburg (1210 – 1272 auch Bildtafel Manesse) wetterte:
dass Frauen, deren Mann keine 10 Pfund Geld im Vermögen haben, Schleier trügen die sogar für eine Gräfin zu prächtig währen!
(Alter Spielverderber!!!)

Das Gebende kam vermutlich aus Frankreich. Es bestand aus einer Kinnbinde und einem steifen Stirnband,
das ähnlich wie eine Krone getragen wurde.
Es wurde als ein Symbol der Frauenzucht angesehen. (natürlich, aber sicher nicht von den Frauen, sondern vom Klerus!).
Der Klerus besagte, eine Dame welche das Gebende in der Öffentlichkeit lockerte, lose Sitten nach.
Daher trug clevere Dame es von Anfang an etwas lockerer!
Die Farbe war im Allgemeinen in Weiss, Eierschalenfarben oder hellem Beige gehalten, aber auch da gab es modische Freiheit!
Die Kaiserin Luitgardis (776 – 800 Gemahlin Nr. 5 Kars d. G.) trug purpurne, ihre Tochter Rhoddrudis amethystfarbene.

Die Stirnbinde wurde vom Gebende aus weiter entwickelt und wurde zusehends zum Schapel.
(Nicht zu verwechseln mit dem Schrapnell, dieses wurde erst viel später für die Artillerie erfunden!)

Schön zu sehen bei der Steinplastik im Naumburger Dom, welche Uta von Ballenstedt(1000-1046) zeigt.
Auch hier wieder ein Widerspruch an sich! Da diese Steinplastik auf das 13.Jhdt. im Allgemeinen datiert wird.

Die Entwicklung des Schapel leitete man von dem oben genannten steifen Stirnband ab
und wurde mit Perlen und Edelsteinen verziert und erinnerte immer eher an eine Krone.
Das Schapel wurde nicht nur als Borte getragen, sondern wurde auch ersetzt durch,
einen schmalen Goldreif oder eine fein gearbeitete Krone. Bis hin zur Krone der Uta von Ballenstedt.
Zur Befestigung diente ein relativ hoher Zierkamm, welcher oft mit kleinen Gold- und Silberkugeln verziert wurde.

In anderen Quellen findet man einige Abweichungen:

Dort ist nachzulesen, dass die Damen das Haar offen und gelockt (mit zu Hilfenahme der Brennschere)
unter dem Schapel trugen und erst gegen Ende des 12. Jhdt das Haar zu Zöpfen geflochten oder hochgesteckt hatten.

Das Haar wurde bei beiden Varianten (Schleier und Gebende) also offen getragen,
oder zu Zöpfen geflochten, oder ineinander verschlungen und zu kunstvollen Knoten seitwärts oder hinten aufgesteckt.
Mit eingearbeitet wurden dünne Bänder, gold- sowohl auch silberfarbene Fäden oder fein gearbeitete Brettchenborten.
Oder auch mit kunstvollen Haarnetzen festgesteckt und verziert.

Für diese Gebilde kann man nun in der früheren Geschichte nach Herzenslust herumstöbern.
Da diese der späteren sumerischen Form, über die Griechen, bis zu den Römern nachempfunden waren.
Alles Gedrehte, Gebundene und Aufgesteckte was es damals in der Haarkunst gab.
Man sollte die Schwerpunkte an den Seiten oder im Hinterkopfbereich, in der nähe des Hinterhauptbeines halten.

Die arme Landbevölkerung trug die Haube/Bundhaube und den Gugel.
Männer die mehr als ein armer Tagelöhner oder Bauer waren, mit Hut oder zum Teil auch nur Hut.
Daher kommt der Spruch… na bist du unter der Haube.

Die Frisur sah meistens wie der sogenannte Pagen- Schnitt aus, mal kürzer mal länger getragen.

Hüte wurden seit alter Zeit von Frauen wie Männer in vielerlei Formen und Arten getragen, geflochten oder gefilzt.
Je nach Stand waren solche aus Samt, Seide und Pelz besonders begehrt.
Dazugehörigen Goldzierrat und Federn (vor allem Pfauenfedern) durfte man dazu ergänzen.
Bei Karl dem Grossen war am Hofe eher die Einfachheit und Schlichtheit gefragt,….aber nicht beim Kopfschmuck!

So nun zum Rittertum.

Sie lernten auf ihren Kreuzzügen neue Sitten und Gebräuche und brachten diese als neue Einflüsse mit nach Hause.

Französische Troubadours, ritterliche Minnesänger und Dichter verherrlichten das Bild der „ edlen Frouen“.
Da wollte die holde Weiblichkeit nicht nachstehen (Na klar doch, es ist zu jeder Epoche das gleiche!).
Zwar mussten sie ihr Gebende, Schleier etc. tragen, jedoch wurden diese immer feiner, kürzer und durchsichtiger.
Genaue Jahreszahlen gibt es hierzu leider nicht, da diese Entwicklung über einen längeren Zeitraum hinweg geschah.
Dies sieht man an den unterschiedlichen Jahreszahlen welche in den oben genannten Beispielen angegeben wurde.


Also als zusammenfassend für „unsere“ Zeit kann man sagen:

Die Frisur, mit und ohne „Kopfbedeckung kann man aus fast allen vorhergehende Epochen ableiten.
Was die Kopfbedeckungen angeht sollte man auf seinen jeweiligen Stand, seinem Alter und ob man unverheiratet,
verheiratet oder Witwe ist anpassen.

So es könnte noch viele Seiten so weitergehen, doch was die weitere Entwicklung betrifft, gehören wir dann schon zum „alten Eisen“.


PS: Für die holde Maid habe ich noch gefunden:

Das schminken verbreitete sich seit dem 12. Jahrhundert schnell über alle europäischen Länder.
Allerdings war das Schönheitsempfinden sehr unterschiedlich!
Zum Beispiel die Engländerinnen fanden Blässe als vornehm und schön.
Dafür hungerten sie sogar und liessen sich oft zu Ader lassen. Auch mit Puder wurde nachgeholfen…
Die Französinnen, liebten das frische rot. Daher verachteten sie auch nicht ein herzhaftes Frühstück.
Sie hatten unzählige Schönheits- und Schminkmittel.
So mancher Quacksalber panschte mit Farbe, Firnis, Quecksilber, Kampfer, Weizenmehl und Fett eigene Mixturen zusammen
und verkaufte dies mit gutem Gewinn…. um nur zwei Beispiele zu nennen.

Durch die Kreuzritter und ihre Schwärmerei über die glutäugigen Orient-Damen wurde auch mit der Tollkirsche experimentiert…



Quellenangaben:

-Die Frisur im Wandel der Zeiten. Gustav Herzig Fabrik für Haarwaren und Friseurbedarf, Schwetzingen

-Historische und Rasssenperücken Herausgeber Schweiz. Coiffeur-Fachlehrer-Vereinigung

-Zauber der Frisur 5000 Jahre Haarkosmetik und Mode von Erich Körner

-Die Frisur. Maria Jedding-Gesterling(Hrsg.)

-Haare-Cheveux-Capelli. Handbuch für den Coiffeurberuf

-Alte unbenannte Pergamente aus Paris Kai Saint-Michel der Bukinisten





Dies war ein kleiner Ausflug in die Frisurenwelt mit Sabia
Von der Geburt bis zum Tode, ziehen sich Fäden.
Mit der Vielfalt der Fäden ergiebt sich ein...
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Aw: Die Zeitreise der Frisur 20 Okt 2011 16:23 #2

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Wow, das ist superspannend! Danke Sabia!!!!
Grüessli

priska
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Aw: Die Zeitreise der Frisur 28 Okt 2011 20:26 #3

  • Sabia
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Vielen Dank Priska

Zu viel der Ehre, dies war schon immer ein Steckenpferd für mich! Geschichte in meiner Familie wurde immer weitervermittelt.
Ich bin die vierte Generation einer Coiffeuer Familie. Nur durch meinen Urgrosvater, Grossvater und meinen Vater hatte ich die Möglichkeit so fundiertes Material zusammen tragen zu können.

Jedoch muss ich gestehen, mein Grossvater war die treibende Kraft die mir die Neugierde eingepflantzt hatte!

Gruss Sabia
Von der Geburt bis zum Tode, ziehen sich Fäden.
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Aw: Die Zeitreise der Frisur 28 Aug 2014 18:15 #4

  • Anna
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Werte Sabia
Vielen Dank fuer die tollen Infos. Ich habe mich seit geraumer Zeit mit dem Thema Kopfbedeckung rumgeschlagen und nun viele Fragen beantwortet bekommen. Wie schaetzt du das Tragen einer Pillbox mit Gebende und Schleier fuer eine Adelige Frau ein? Passt das zur Zeit und wenn ja, aus welchem Material muesste diese bestehen? Aus Walkloden? Ich versuche bisher Ergebnislis an naturgefaerbten Walkloden zu kommen... Haettest du mir da ev. auch Tipps?
Verbindlichsten Dank
Anita
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